Globalisierung bei mir zu Hause: Bericht aus Borneo

26. Oktober 2021|In Stories, Indonesien

Ich rannte und rannte. Auch mein Verstand rannte. Ich konnte nicht glauben, was ich gehört hatte. Ich wollte nicht glauben, was mir gerade gesagt worden war. Alle Erinnerungen tauchten auf einmal auf und ich wurde von meinen Gefühlen überwältigt. Als ich ins Freie trat, war es, als würde die Welt stehen bleiben und durch mich atmen. Ich war zurück auf meinem Land. Ich war wieder mit meiner Identität im Einklang. 

Mein Name ist Monalisa, ich wurde in einem kleinen Dorf namens Hurung Bunut in Zentral-Kalimantan, Indonesien, geboren. Als ich ein Kind war, war das Leben ziemlich einfach. Wie die anderen Menschen im Dorf gingen meine Eltern jeden Morgen in den Wald, um Kautschuk zu zapfen, das war ihre Haupteinnahmequelle. Manchmal schloss ich mich ihnen an, vor allem während der Obstsaison. Wenn meine Eltern Kautschuk zapften, war ich damit beschäftigt, Durian, Mangostan, Jackfrüchte und viele andere einheimische Früchte, für die ich keinen Namen in Englisch kenne zu suchen. Meine Mutter hatte immer eine Rattantasche dabei und sammelte auf dem Heimweg etwas Gemüse ein. Es fühlte sich so an, als hätten wir unseren eigenen kostenlosen Supermarkt.

Eigentlich gab es keinen Strom. Nun ja, einige „reiche“ Leute konnten sich eine Maschine leisten, aber trotzdem waren dann die Wartungs- und Betriebskosten sehr teuer. Ich erinnere mich, dass zwei Nachbarn von 18 bis 21 Uhr Strom hatten. Die Kinder aus der Umgebung kamen in ihr Haus, um Fernsehen zu schauen. So auch mein kleiner Bruder und ich. Meine Eltern erlaubten es uns, nach der Erledigung unserer Hausaufgaben in das Haus unseres Nachbarn zu gehen und dort fernzusehen. Jeden Abend, eine Stunde von 19 bis 20 Uhr. Ich habe alle erdenklichen Tricks ausprobiert, um mit meiner Mutter über die Zeit zu verhandeln, aber sie hat immer gewonnen. 

Morgens gingen die Kinder gemeinsam zur Schule und die Eltern in den Wald, um Kautschuk zu zapfen. Oder sie gingen in ihren Garten, in dem sie ihren eigenen Reis und ihr eigenes Gemüse angebaut haben. Wir sind eine kollektive Gemeinschaft, dies sieht man deutlich, wenn man unsere Arbeitsweise betrachtet. Es ist unmöglich, sein eigenes Reisfeld allein zu bewirtschaften, also arbeiten wir gemeinsam von einem Feld zum anderen, bis die Felder von allen bepflanzt sind. Das wiederholte sich für den nächsten Schritt von der Aussaat über die Pflege bis zur Ernte. Wir haben das alles gemeinsam als Dorfgemeinschaft gemacht. 

Mein Name ist Monalisa, ich wurde in einem kleinen Dorf namens Hurung Bunut in Zentral-Kalimantan, Indonesien, geboren.

Zu dieser Zeit gab es in meinem Dorf nur eine Grundschule. Als ich meinen Abschluss machte, musste ich zusammen mit meinen Freunden durch einen großen Fluss paddeln, um zur weiterführenden Schule im Nachbardorf zu gelangen. Das ist die schönste Kindheitserinnerung, die ich habe. Morgens paddelten wir gegen die Strömung des Flusses, aber auf dem Rückweg legten wir unsere Sachen in das Boot und hielten uns einfach an einem der großen Bambusstöcke fest, die wir überall am Flussufer finden konnten. Wir paddelten nicht, sondern ließen uns einfach von der Strömung nach Hause tragen. Ich habe meine Schuhe oft verloren, bis meine Mutter es aufgegeben hatte und mir keine neuen mehr kaufte. Es machte mir nichts aus, denn alle meine Freunde taten das Gleiche.

Im ersten Schulhalbjahr schickte meine Lehrerin einen Brief, in dem sie meine Eltern aufforderte, sie in der Schule zu treffen. Mein Vater ging zu dem Treffen. Danach sagte er mir, dass ich in die Stadt zu meinem Onkel ziehen müsse, weil ich zu wenig in der Schule sei. Kein Wunder, denn wir gingen nur selten zur Schule, vor allem während der Obstsaison. Wir verbrachten lieber unsere Zeit im Wald, anstatt zur Schule zu gehen. Wir waren freche Kinder, aber ich kann mich nicht beklagen. Die Erinnerungen an diese Zeit sind alle wunderschön. 

Anlässlich der Klimakonferenz in Glasgow spricht Monalisa gemeinsam mit anderen "Youth Leaders" über die Herausforderung des Klimawandels.

Also zog ich in die Stadt. Das Leben dort war anders. Es fiel mir schwer, indonesisch zu sprechen (früher habe ich zu Hause und in der Schule nur unsere Dayak-Sprache gesprochen). Ich verstand Indonesisch in Büchern, ich war aber nicht damit vertraut, es in meinen täglichen Unterhaltungen zu verwenden. Das war definitiv eine schwere Zeit für mich. Aber ich weiß auch, dass es für meine Eltern noch schwieriger war. Damals begannen sie als illegale Goldgräber zu arbeiten, weil sie meine Ausbildung und den Lebensunterhalt in der Stadt finanzieren mussten.

Manchmal holte mich mein Vater ab und nahm mich mit nach Hause, meistens in der Weihnachtszeit. So begann ich, die Entwicklung in meinem Dorf zu sehen. Die Regierung begann neue Straßen zu bauen (vorher war der Fluss der einzige Zugang, den wir hatten). Jedes Mal, wenn ich in den Ferien zurückkehrte, sah ich, wie sich mein Dorf entwickelte. Ich weiß, dass alle sehr glücklich darüber waren. Jetzt hatten wir eine Straße, Strom und sie haben sogar eine weiterführende Schule in meinem Dorf gebaut. 

Später realisierte ich, dass diese infrastrukturellen Veränderungen der Schlüssel waren, um Investitionen in unser Gebiet zu bringen. Große Unternehmen kamen, sprachen die Menschen an. Die Menschen waren vornehm gekleidet, sahen poliert und schick aus und boten ihnen dann an, ihr Land zu kaufen. Für die Dorfbewohner war das alles neu. Wir wussten nicht, wie wir den „Wert“ unseres Landes in Geld bemessen sollten. Wir hatten keine Ahnung und hielten die Angebote für ein gutes Zeichen. Die Unternehmen boten „viel Geld“ und wie Sie sich vorstellen können, waren die Menschen mit damals wenig Bildung und ohne Ahnung von Wirtschaft glücklich, ihr Land zu verkaufen, weil „einige Leute aus der Stadt“ ihnen sagten, der „Wert“ ihres Landes sei hoch. 

… und alles stellte sich auf den Kopf. Superschnell. Ich bin noch nicht einmal 30 Jahre alt, aber jetzt spielen die Kinder im Dorf mit ihren Smartphones, weil sie Internetzugang haben. Die Preise für Rattan und Kautschuk, sowie für viele andere Nichtholzprodukte aus dem Wald sinken und sinken. Das ist auch der Grund, warum der Verkauf von Land an die Unternehmen nun die einzige Möglichkeit zu sein scheint, die man hat.

Goldabbau ist ein reines Glücksspiel. Wir haben keine Technologie, um festzustellen, was sich im Fluss oder im Land befindet. Wenn man eine Mine eröffnen will, muss man aber viel Geld investieren, und wenn man Glück hat, bekommt man viel, wenn nicht, verliert man alles.

Das Holz des Rattanbaums wird in Kalimantan häufig für die Herstellung von Möbeln verwendet

Ich betrachte mich als Glückspilz, denn ich gehöre zu den wenigen Menschen aus dem Dorf, die die Chance hatten, auf die Universität gehen zu können. Meine Eltern haben meine Geschwister und mich auf gute Universitäten auf Java geschickt. Dazu mussten sie ihr Land verkaufen und als illegale Goldgräber arbeiten, denn nur so konnten sie sich das leisten.

Ich verbrachte 5 Jahre auf Java und Bali. Ich arbeitete ein Jahr lang auf Bali, bis ich beschloss, in meine Heimatstadt in Kalimantan zurückzukehren. Vor ein paar Jahren bin ich dann wieder nach Hause zurückgekehrt und was ich in meinem Dorf sah, ist absolut herzzerreißend. Ich habe es schon früher gesehen, aber es ist noch schlimmer geworden. Jetzt ist mir klar, dass wir mit dem Verlust des Waldes auch unsere Identität verlieren. Wir haben versucht, diesen modernen Lebensstil zu führen, indem wir alles, was wir haben, verkaufen, um Geld zu bekommen. Wir sind sehr konsumfreudig geworden. Die Menschen in meinem Dorf besitzen Autos, Motorräder und bauen hässliche Betonhäuser. Weil wir denken, dass Häuser aus Holz oder Bambus nicht modern sind. Mein Gott! Wir wissen nicht genug von Betonbauten, also sind die Häuser wirklich hässlich geworden. Es gibt keine richtige Beleuchtung und keine gute Belüftung im Haus. Die Kinder sind damit beschäftigt, mit ihren Smartphones zu spielen, die Eltern sind damit völlig einverstanden. Jetzt weiß ich gar nicht, was ich von der Entwicklung halten soll… Es ist so beängstigend. Sie hat uns den Wald genommen, sie hat uns das Leben genommen. 

Jetzt haben wir nicht mehr viele Möglichkeiten. Meine Eltern, genau wie die anderen Leute im Dorf, sind jetzt von illegalen Goldminen abhängig, auch wenn sie nicht mehr für unsere Ausbildung bezahlen müssen. Sie haben einfach keine andere Wahl. Manche Leute entscheiden sich für die illegale Rodung. Genauso verrückt. Genauso zerstörerisch. Sie riskieren jeden Tag ihr Leben mit Chemikalien in den Minen oder der illegalen Rodung in Wäldern, in der Hoffnung, dass die Polizei sie nicht erwischt. Wenn sie nicht genug Geld haben, um die Polizei zu bestechen, müssen sie eine Zeit lang im Gefängnis bleiben und ihre Familie wird darunter leiden. 

Die letzten Hektar Wald zwischen dem Dorf Hurung Bunut, wo ich aufgewachsen bin, und den großen Palmölplantagen

Ich habe Anfang 2018 begonnen für Fairventures Worldwide zu arbeiten, drei Monate nachdem ich beschlossen hatte, von Bali zurückzukommen. Schon zuvor hatte ich von dem 1 Million Trees Projekt gehört und die Idee dahinter gefällt mir sehr. Ich war neugierig auf diese Organisation und es schien, als hätte mich das Universum hierhergeführt. Ich lernte einen Mitarbeiter kennen. Wir sind gute Freunde geworden und eines Tages erwähnte er, dass Fairventures einen Kommunikationsassistenten sucht. Perfekt, ich bewarb ich mich und bis heute dabei geblieben. 

Fairventures gibt mir die Möglichkeit, die Situation in meiner Heimatstadt besser kennenzulernen. Ich habe hier tolle Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen kennengelernt. Wirtschaft, Anthropologie, Architekt, Forstwirtschaft, Bildung, Politik und viele mehr. Außerdem habe ich die Möglichkeit, mehr Zeit mit den Menschen im Dorf zu verbringen. Die Perspektive von Außenstehenden vermittelt mir ein umfassenderes Bild von den Geschehnissen und ein tieferes Verständnis dafür, wie kompliziert die Situationen sind. Gleichzeitig versuchen wir unser Bestes, um eine Lösung zu finden. Wir verbessern uns und lernen gemeinsam mit der Gemeinschaft. Seit dem ersten Tag, an dem ich dieser Organisation beigetreten bin, habe ich mich mit ganzer Kraft und ganzem Herzen eingebracht, bis mich vor ein paar Monaten etwas sehr hart getroffen hat. 

Ich verbrachte ein gewöhnliches Wochenende in meinem Dorf, um meine Mutter im Februar 2020 zu besuchen. Bevor Covid-19 uns in eine noch seltsamere Situation brachte. Wie immer wollte ich versuchen, so lange wie möglich Zeit mit den Menschen zu verbringen, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich wollte versuchen, ihre Perspektive einzunehmen, denn es spielt keine Rolle, wie sehr die Zerstörung mein Herz gebrochen hat… Ich bin ein junger Mensch mit einem Bildungshintergrund, der mir die Möglichkeit gibt, zu entscheiden, welche Art von Leben ich führen möchte. Wo ich leben will und wie ich mein Leben gestalten möchte. Ich habe diesen Luxus, den sie nicht hatten.

In diesem Moment erzählte mir jemand von einem Holzverarbeitungsunternehmen, das die Bäume in dem letzten Wald, den wir im Dorf haben, abholzen wird. Mir schossen die Tränen in die Augen als ich das hörte. 

Ich habe versucht, mehr darüber herauszufinden, habe mich mit den Landbesitzern getroffen und einige von ihnen sagten, sie hätten bereits einen Vertrag mit dem Holzverarbeitungsunternehmen unterzeichnet und würden die Bäume bald fällen. Sie haben nicht einmal Kriterien dafür, welche Art von Bäumen sie fällen werden. Der Landbesitzer erzählte mir das mit einem Lächeln im Gesicht. Er sagte: „Ist das nicht gut, ein Unternehmen kauft das Holz, nicht das Land, und wir müssen nichts tun. Sie bauen sogar ihre eigene Straße für den Transport zum Wald“. Wieder hörte mein Herz für eine Weile auf zu schlagen. Ich wusste gar nicht, was ich den Landbesitzern antworten soll. Sie hatten erwähnt, wie schwer es ist, Geld zu verdienen. Was gerade passiert ist, ist also ein „Segen“ für sie.

Meine Freundin aus der Schulzeit, Rara, und ich

Ich bat einen der Landbesitzer, mich in den Wald zu bringen, und sagte: „Ich will ihn sehen, bevor er weg ist“. Er sah mich verwirrt an. Aber er ging trotzdem mit mir dorthin. Als wir das erste Mal den Wald betraten, spürte ich plötzlich den Temperaturunterschied. Die frische Luft und die Geräusche des Waldes sind einfach… magisch. Diese Ruhe. 

Ich bin im Wald spazieren gegangen und habe mich manchmal hingesetzt und einfach die Augen geschlossen. Meine Gefühle waren sehr stark… Ich konnte mir wirklich nicht vorstellen, wieder hierherzukommen und keine Bäume mehr zu sehen. Das Loch in meinem Herzen war groß. Bevor ich nach Hause ging, machte ich noch ein paar Fotos mit meiner Kamera und ließ die Bäume im Wald und einen Teil meines Herzens dort zurück.


Über die Autorin: Ich mache die Öffentlichkeitsarbeit für Fairventures Worldwide, eine gemeinnützige Organisation, die mit meiner Gemeinde und anderen in Zentral Kalimantan zusammenarbeitet, um lokale Landrechte zu verteidigen und degradiertes Land wieder aufzuforsten. Der wiederbelebte Boden kann von den örtlichen Kleinbäuerinnen und Kleinbauern genutzt werden, um Bäume und Nahrungspflanzen zu pflanzen, mit denen sie ein nachhaltiges Einkommen erzielen und gleichzeitig den Regenwald schützen können. Besuche unsere Website, um mehr über unsere Arbeit zu erfahren. Über eine Spende würden wir uns sehr freuen.


Bitte beachten: 

Niemand kann mir eine verifizierte Größe des verbleibenden Waldes nennen, jemand erwähnte etwas um die 200 Hektar. Dieser letzte Wald ist die Pufferzone zwischen einer riesigen Palmölplantage und dem Dorf.